George Tabori's Mein Kampf at the Berliner Ensemble
George Tabori's Mein Kampf at the Berliner Ensemble
Mein
Kampf. George Tabori.
Regie: Hermann Beil. Berliner Ensemble. Berlin / Deutschland. 7 März 2009.
“Immer
spielt ihr und scherzt? ihr müßt! o Freunde! mir geht dies
In
die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur. “
Friedrich
Hölderlin: Die Scherzhaften; dem Stück von George Tabori vorangestellt
In
einem Männerwohnheim in der Wiener Blutgasse leben und streiten der
arbeitslose, sich für Gott haltende Koch Lobkowitz und der erfolglose
Bibelverkäufer Schlomo Herzl. Herzl fühlt sich als Literat und arbeitet an
seiner Biografie, zu der ein passender Titel noch gefunden werden muss: Schlomo
und die Detektive? Schlomeo und Julia? Warten auf Schlomo? Nein, sie heißt: Mein
Kampf.
Die
Szene spielt im Jahr 1907 und es betritt der junge Adolf Hitler das Asyl, um
vor seiner Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie Quartier zu beziehen. Herzl
nimmt sich des unbeholfenen Neuankömmlings an, lehrt ihn Benehmen und verhilft
ihm zu seinem Erkennungszeichen, dem typischen „Hitlerbärtchen“. Hitler leiht
sich zur Prüfung Herzls Mantel, vergisst jedoch, seine Hosen anzuziehen und
rauscht durch die Prüfung: „Man sollte sogar verhindern, dass Sie auch nur eine
Küchenwand grün anstreichen!“ Im Verlauf der sich entspinnenden ambivalenten
Beziehung zwischen Hitler und Herzl spannt dieser jenem die Geliebte, das
Gretchen, aus und lässt zu, dass der hinzugekommene Freund Himmlischst das Huhn
Mizzi, sein Haustier, ein Geschenk Gretchens an Herzl, schlachtet, brät und
verspeist. Am Ende erzwingt Hitler mit Gewalt und unter der Mithilfe von sechs
„Tiroler Bauerndeppen“ die Herausgabe des Buchs von Herzl, da es für ihn
komprommitierend sein könnte, und als er feststellt, dass es bis auf einen
einzigen Satz nichts enthält, verlangt er die Erzählung der Geschichte des Buchs.
In
Taboris Stück ist jeder Satz, jede Handlung als eine Metapher auf Worte und
Taten bei der Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Nationalsozialisten
und ihre Helfer in Deutschland und den besetzten Gebieten zu verstehen. Die
Pointe besteht in der Projektion der späteren Ereignisse auf ihre
Vorgeschichte: Wir erkennen die Ursache der monströsen Taten in den
gewöhnlichen Biografien der Akteure, in ihrer vorgänglichen Banalität. Über
diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt sie nannte, ist viel nachgedacht
und geschrieben worden, die Tatsache einer Banalisierung des Bösen – denn
dieser scheint man zuzusehen – nimmt einem allerdings im ersten Moment
den Atem.
Warum
werden hier Witze über die Shoah gemacht, möchte man fragen, warum werden diese
Witze hier im BE auf der Bühne vorgeführt?
Tabori
sagte in einem Interview: "Die besten Witze kommen von den Juden, und die,
die nicht von Juden stammen, sind einfach nicht komisch. [...] Humor hat für
mich also nichts mit 'Witze erzählen' zu tun, also das Ironische, das die
Deutschen so gut beherrschen und mit Humor verwechseln. Humor ist ein Lebensweg
und hat sehr viel mit Toleranz zu tun. Er ist relativierend, und natürlich
spielt immer das 'Prinzip Hoffnung' eine Rolle, er ist ein Überlebensweg oder
Rettungsweg, manchmal ist er die Heiterkeit der Verzweiflung. [...] Im
jüdischen Witz ist die Katastrophe verträglicher, damit man sie ertragen
kann."
Er
zieht damit eine Grenze zwischen denen, die über Humor verfügen und denen, die
keinen Humor in seinem Sinn besitzen. Er bezieht sich hierbei allerdings auf
die Fähigkeit, das Leben mit Witzen erträglicher zu machen und nicht etwa den
Sinn für Humor, der die Voraussetzung für das Verstehen des Witzes und das
Lachen darüber ist. Über diesen Sensus nachzudenken und die Differenz zur
Ironie zu erforschen muss es uns gehen, mangelt es uns doch nach Taboris
Ansicht als deutschem Publikum zumindest an Humor im zuerst genannten Sinn.
Wie
also kann also ein deutscher Dramaturg, ein Theatermacher dem Wort nach und
dazu noch einer der klügsten und erfahrensten, einen Text auf die Bühne
bringen, der mit nichts operiert, als dem Witz, über den Deutsche per se nicht
verfügen? Und weiter: Kann ein deutsches Publikum den Witz als solchen annehmen
und verstehen und nicht etwa mit Ironie verwechseln?
Als
logisches Problem wäre es in etwa so lösbar: Weil die Deutschen keinen
jüdischen Witz erzählen können, könnte ein Stück, das zum guten Teil aus
jüdischen Witzen besteht, nicht von Deutschen gepielt, sondern bestenfalls zitiert
werden. Nur dort, wo ein Nichts an Theater entstünde, könnte also von einer
gelungenen Inszenierung gesprochen werden, und das ist auch ein Gefühl, das
sich nach drei langen Stunden im BE einstellt: Es wird um ein leeres Zentrum
herum gespielt und immer, wenn versehentlich ein „Witz“ - ja in welchem Sinn
denn nun? - gestreift wird, erschrecken alle und schämen sich ein bisschen. Wie
gesagt, ein Gefühl. Ein anderes stellt sich gewissermaßen mit Verzögerung ein
und das ist das Gefühl großen Respekts vor den Akteuren, die es verstanden
haben, nur selten in die bereitstehenden Witz- beziehungsweise Ironiefallen zu
tappen. Was anfänglich als Unentschlossenheit des Regisseurs und Hilflosigkeit
der Schauspieler herüberkommt, ist die konsequente Markierung und Achtung einer
unüberwindlichen Grenze zu diesem Zentrum. Hinter ihr liegt das Niemandsland
für diejenigen, die nicht über die Erfahrung des Schmerzes und den jüdischen
Witz verfügen. Die künstlerische Spannung entsteht einerseits durch den Respekt
vor der Grenze und andererseits durch den Verweis auf die Möglichkeit, die
hinter ihr liegt, nämlich die Katastrophe erträglich zu machen
Tabori
hat uns zu seinen Lebzeiten immer wieder an die Hand genommen und an seinem
Witz teilhaben lassen. Dank ihm durften wir, denen das Leben nicht zur
Katastrophe wurde, diese Grenze für Momente überschreiten, ohne sie dabei zu
vergessen. Hermann Beil schafft es mit seinem Ensemble, uns über die Grenze
blicken zu lassen und ist dabei klug genug, die Grenzüberschreitung nicht zu
versuchen, Tabori ernst zu nehmen, ohne ihn ersetzen zu wollen. Immer dort, wo
dies gelingt, erscheint das Spiel leicht, fast unentschlossen; wo es misslingt,
was selten der Fall ist, wird es derb und direkt. Karl Ernst Hermanns
Bühnenbild erzeugt, wie so viele seiner Bilder, den Eindruck, dass es hinter
der Bühne noch weitergeht. Das Unheil beginnt gewissermaßen im Off-Stage und
wer auf der Bühne ist, bleibt zumindest für den Moment am Leben.
Was
aber hat dies mit der Frage nach dem Sensus zu tun? Nun, die Aufführung wird
zum Gewinn, weil sie uns das „Dahinter“ spüren lässt und unseren Sinn für Humor
fordert, weil sie die Möglichkeit einer Relativierung zeigt, ohne selbst zu
relativieren.

