Aufsätze des Brecht Seminar Japan

Aufsätze des Brecht Seminar Japan

Im Juni 1931 besuchte Walter Benjamin im südfranzösischen Le Lavandou Bertolt Brecht, wobei er ihre Gespräche und die darin angeschnittenen Themen in seinem Tagebuch festhielt. Brecht teilte Benjamin mit: „Er [Brecht] verstehe ihn [Kafka] wie seine eigene Tasche“. Es ist ja bekannt, dass Brecht Kafka hochschätzte und ihn einmal als „den einzig echten bolschewistischen Schriftsteller“ bezeichnete. Und es ist auch bekannt, dass Brecht eine Bearbeitung von Becketts Warten auf Godot für das Berliner Ensemble plante, bei der er Wladimir und Estragon als arbeitslose Clowns inszenieren wollte; leider konnte er wegen seines frühen Todes das Vorhaben nicht verwirklichen. Er hatte weder vor Kafka noch vor Beckett Angst, obwohl beide als erklärte Antipoden Brechts gelten, aber Brecht steht beiden in mancher Hinsicht viel näher, als man glaubt. Nach der obigen Tagebuchnotiz schreibt Benjamin weiter: „Wie er das aber meint, ist nicht so leicht zu ermitteln.“ Was Brecht damit meint, scheint jedoch ziemlich klar zu sein, weil beide, nämlich Brecht und Kafka, Paraboliker sind und weil der erstere den letzteren vor allem als Paraboliker versteht. Und die Konzeption der Bearbeitung von Godot zeigt deutlich, dass Brecht Godot als ein parabolisches Stück auffasste. Der eine versierte Theatermacher verstand wohl den anderen „wie seine eigene Tasche“, weil das Stück nicht nur parabolisch ist, sondern weil man es auch mit der Logik der Verfremdung „Nicht - Sondern“ gut erklären kann: Obwohl Godot nicht kommt, hören Wladimir und Estragon nicht mit dem Warten auf, sondern setzen es fort. In diesem Stück gilt nicht die Formel „nicht A, sondern B“, sondern „nicht A, sondern nicht A“. Darin liegt seine Absurdität; man findet in Godot eine Verdopplung und Verkehrung der theatralen Logik des „Nicht - Sondern“, das Brecht zufolge einen Typus der Verfremdung darstellt, indem es beim Zuschauer Erstaunen auslöst.

Von einer solchen Beobachtung ausgehend, hatten wir bereits zweimal Brecht-Seminare über das Thema „Kafka und Brecht“ abgehalten; dieses Mal, im März 2009 in Kyoto, sprachen Asako Nagasawa (Osaka) über die Benjamin-Rezeption bei Brecht und Tetsuya Kobayashi (Kyoto) über die Kafka-Rezeption bei Benjamin.

-Joachim Lucchesi

I.Was bedeutete Benjamin für Brecht?
von Asako Nagasawa

Bertolt Brecht und Walter Benjamin lernten sich 1924 kennen. Von diesem Zeitpunkt an schrieb Benjamin häufig Rezensionen bzw. Abhandlungen über Brechts Werke sowie deren Aufführungen im Theater, während sich Brecht, sofern ich weiß, bis zum Freitod des Kritikers fast nie öffentlich zu dessen Arbeiten geäußert hat. Aufgrund dieser asymmetrischen Beziehung könnte der Eindruck entstehen, dass sich Brecht kaum für die Arbeiten seines Freundes interessierte, obwohl dieser Brechts Werke hochschätzte. Ein solcher Eindruck ist jedoch falsch; aus einigen Briefen, die Brechts Mitarbeiterin Margarete Steffin an Benjamin schrieb und die uns heute zugänglich sind, ist herauszulesen, dass die „fachmännischen Urteile“ Benjamins von Brecht mit Spannung und großem Interesse erwartet wurden, und dass Brecht ihm seinerseits die Abfassung mehrerer Rezensionen vorgeschlagen hat. Hier stellt sich die Frage: Wie hat er Benjamins Arbeiten und Auffassungen eingeschätzt und inwiefern hat er ihm als Kritiker Vertrauen entgegengebracht?

Um mich diesem Thema zu nähern, ziehe ich die vier Gedenkgedichte An Walter Benjamin, der sich auf der Flucht von Hitler entleibte, Zum Freitod des Flüchtlings W. B., Die Verlustliste, Wo ist Benjamin, der Kritiker? (1941)heran, die Brecht dem Kritiker post mortem widmete, und die ich kurz deuten und auslegen möchte. In den beiden zuletzt genannten Gedichten zählt Brecht Benjamin zu seinen verlorenen Freunden, die von den Nazis vertrieben wurden. Die beiden erstgenannten Gedichte dagegen beschäftigen sich eher mit der Person Walter Benjamins, weshalb man aus diesen Texten etwas über Brechts Bild von seinem Freund erfahren kann. Das erste Gedicht An Walter Benjamin beschreibt ein Schachspiel, das beide Freunde im sommerlichen Finnland gespielt haben. Brecht wusste, dass Benjamin im Schach die „Ermattungstaktik“ bevorzugte; in Wirklichkeit hat dieser aber sich selbst durch den Nationalsozialismus ermatten lassen und den Kampf gegen ihn aufgegeben, indem er sich das Leben nahm. Der Feind hingegen, Hitler, hat sich nicht ermatten lassen. Hier ist relevant, dass das Gedicht Benjamin nicht nur als guten Schachspieler, sondern als politischen Antagonisten Hitlers mit einer eigenen Strategie evoziert. Auch im zweiten Gedicht Zum Freitod des Flüchtlings W. B. findet man eine eindrucksvolle Formulierung: „die guten Kräfte sind schwach“. Wie das Stück Der gute Mensch von Sezuan zeigt, kann der Mensch ohne Strategie nie gut sein. Darauf weist Benjamin deutlich auch in seiner Radiosendung Bert Brecht (1930) hin: „Sein [Brechts] Gegenstand ist die Armut“, d.h. die Menschen sind heute so arm, dass es bei ihnen nur „wenige zutreffende Gedanken“ oder „wenige Intelligenz und Tatkraft“ gibt.

Benjamins Auffassung der Armut stellt gleichzeitig, wie seinem Essay Erfahrung und Armut (1933) zu entnehmen ist, auch seine Taktik dar. Insofern musste Brecht, der die Keuner-Figur geschaffen hat, für Benjamin ein Autor sein, der „die physiologische und ökonomische Armut des Menschen im Zeitalter der Maschine“ auf der Bühne zur Schau stellen und damit darstellen kann, wie die Wirklichkeit ist und wie man sie ändern soll. Benjamin scheint in einiger Hinsicht viel radikaler zu sein als Brecht, obgleich er sich weniger in der politischen Praxis engagierte. Seine Radikalität lässt sich z.B. auch an seinen Aussagen in der Diskussion über das Projekt der Zeitschrift Krise und Kritik (1930/31) ablesen. Benjamin stand Brechts Ansicht, dass die Intellektuellen als Avantgarde eine Führungsrolle spielen sollten, kritisch gegenüber, weil umgekehrt das Proletariat bei seiner Machtergreifung die Führungsrolle spielen solle. Im Protokoll der Sitzung für das Zeitschriftenprojekt findet man z. B. den folgenden Vorschlag Benjamins: die Intelligenz solle bei der proletarischen Machtergreifung in die Fabrik gehen und dort arbeiten. Radikalität ist dem Kritiker wie dem Dichter gemeinsam. Brecht, der in Extremen dichtete, hat sowohl „eine ganze Horde von Hooligans und Verbrecher“ wie Baal, Mackie Messer und Fatzer als auch Herrn Keuner geschaffen, dessen Haltung und Sprache von Kargheit gekennzeichnet sind. Es ist dies die Radikalität, die Brechts Dichtung charakterisiert und die es Benjamin ermöglicht hat, Brecht als einen der wichtigsten Schriftsteller zu Lebzeiten anzuerkennen.

 

II. Benjamin, Kafka, Brecht. Benjamins Kafka-Essay und die Kritik der Theologie
von Tetsuya Kobayashi

Walter Benjamin kritisiert in seinem Kafka-Essay (1934) eine bestimmte Art existenzieller Theologie. Und er nimmt auch seinem Freund Gerschom Scholem gegenüber eine teilweise kritische Haltung ein. Scholem meint, dass Benjamins Denkverfahren „theologisch-metaphysisch“ sei; in seiner „materialistischen“ Arbeit begehe Benjamin einen schrecklichen „Selbstbetrug“ und Brechts „Einfluß“ auf Benjamin sei „unheilvoll“. Zudem weist Scholem darauf hin, dass Brecht Benjamins „Wesen“ nicht verstehe. In der Tat scheint Brecht von Benjamins Kafka-Essay irritiert. Im Sommer 1934 diskutieren Brecht und Benjamin in Svendborg über den Entwurf des Kafka-Essays; Brecht weist darauf hin, dass Benjamins Darlegung sich allein an der „Tiefe“ des Werks von Kafka festhalte; Brecht zufolge behandle Benjamin nur das aus gesellschaftlichen Zusammenhängen gelöste „Wesen“. Und Brecht schreibt dazu: „die Tiefe ist eine Dimension für sich, eben Tiefe – worin dann garnichts zum Vorschein kommt“. Für Brecht kommt es darauf an, „Kafka zu lichten“, das heißt, „praktische Vorschläge zu formulieren“, dagegen vermehre Benjamin „das Dunkel“ um Kafkas Werk. Wohl trifft Brechts Kritik zu; sowohl dieser Entwurf zum Essay als auch der vollendete Essay enthalten so viele Undeutlichkeiten, dass die Bedeutung der Kritik an der Theologie unklar bleibt. Benjamin muss m. E. jedoch der „Tiefe“ Kafkas ins Gesicht sehen, um die der Theologie innewohnende Gefahr zu kritisieren.

In seinem Kafka-Essay bezieht Benjamin zu jenen Deutungen eine kritische Stellung, welche Kafkas Werk „im Sinne einer theologischen Schablone“ zu interpretieren versuchen. Eine solche interpretative Lesart reduziere Kafkas Werke auf einen Satz, z. B. „Der Mensch ist immer im Unrecht vor Gott“. Derartige Thesen enden Benjamin zufolge letztlich nur in „barbarischen Spekulationen“, soweit sie von den modernen gesellschaftlichen Verhältnissen abstrahieren. Eine aus diesen Spekulationen folgende falsche Lehre bereite lediglich dämonischen Mythen den Weg. Laut Benjamin sei Kafka sich sehr wohl darüber im Klaren, dass eine falsch geträumte Lehre letztlich dämonisch wirken müsse; Kafka betrachte sämtliche Mythen grundsätzlich mit kritischem Blick. Zudem ist sich Benjamin sicher, dass Kafka keinem der Phantasie entsprungenen Wunsch nach irgendeiner falschen Lehrmeinung entgegengekommen sei; er habe jedoch nichts Positives entworfen; Benjamin kommt zu dem Schluss, dass Kafka an der Wirklichkeit gescheitert sei.

Dennoch hat Kafka laut Benjamin „das Beste“ nicht aus den Augen verloren. Er erwähnt in seinem Essay jenes in einem deutschen Volkslied besungene „bucklichte Männlein“ und bezieht diese Figur metaphorisch auf Kafka. Wie Dagmar Deuring schreibt, verkörpere dieses Männlein, „was dem bewussten Erleben immer entgeht“; meiner Meinung nach repräsentiert es zugleich damit auch ein Potential, das zwar noch keinen bestimmten Inhalt hat, aber in sich die Möglichkeit „des Besten“ birgt. Sowohl der Rücken des Männleins als auch Kafkas Prosa sind entstellt, doch in der Entstellung manifestiert sich Benjamin zufolge ein Potential. Genau auf dieses jedoch richtet Kafka seine Aufmerksamkeit, um die Möglichkeit „des Besten“ zu retten. Benjamin würdigt diese Aufmerksamkeit als „das natürliche Gebet der Seele“.

Dieses Gebet ist etwas ganz anderes als der unendliche Wunsch nach Lehre, den Scholem bei Kafka gefunden zu haben glaubt. Ein solcher Wunsch birgt in sich die Tendenz, sich selbst zu rechtfertigen und lediglich romantisch zu überhöhen. Benjamin ist dagegen der Ansicht, dass Kafka auf jene Lehren verzichtet, welche eine Verheißung auf Rettung suggerieren. Er vergleicht Kafka mit einem Pferd, das seinen eigenen Weg findet, nachdem es von seinem Reiter befreit wurde, welcher nur seinem eigenen dämonischen Wunsch folgt.

Diesen Verzicht auf Lehrmeinungen findet man gerade bei Benjamin, der denn auch vom Verlassen der alten, nicht geltenden Erfahrung in seinem Aufsatz Erfahrung und Armut (1933) spricht. Die ungeheuren Veränderungen der Gesellschaft haben alte Ideale und Lehrmeinungen ungültig gemacht. Benjamin übernimmt den Zustand der “Erfahrungsarmut” als etwas Positives. Ihm zufolge geht es nicht darum, eine Kultur zu bewahren, welche alte Ideale verkörpert, sondern vielmehr eine derartige Kultur zu überleben. Er konstatiert auch bei Brecht, dass dessen „Versuche“ eine positive „Armut“ sowie einen Verzicht auf alte Ideale voraussetzen. Es steht zu vermuten, dass Brecht die Intention von Benjamins Essay möglicherweise nicht voll verstanden hat; dennoch scheint Benjamin seine Aufmerksamkeit gleichermaßen auf beide Dichter zu richten, weil die quasi-religiöse Dimension bei Kafka und die profane Aufklärung bei Brecht, die beide für Extreme in der literarischen Moderne stehen, für Benjamin das Beispiel einer coincidentia oppositorum darstellen; seiner Kunstphilosophie gemäß berühren sich diese Extreme.