Peggy Setje-Eilers Interviews Actor Alexander Doering

Peggy Setje-Eilers Interviews Actor Alexander Doering

Peggy Setje-Eilers continues her examination of the Berliner Ensemble's Production of Die Farbe Rot. The interview was conducted on July 7, 2005 in Berlin / Germany. Read her interview with Director Franz Wittenbrink here in ECIBS 36.1 and her review essay of the production in CIBS 36 (Fall 2007).

Alexander Doering spielte den "jungen" Brecht in Franz Wittenbrinks "Die Farbe Rot" im Theater am Schiffbauerdamm

Peggy Setje-EilersPeggy Setje-Eilers

SETJE-EILERS: Ich freue mich sehr, Herr Doering, dass Sie heute bereit sind, mit mir im Restaurant "Ganymed" über Die Farbe Rot von Franz Wittenbrink zu sprechen.  Es ist ein historisches Lokal nicht weit vom Berliner Ensemble.

DOERING: Es war ein Eliterestaurant. Hier sind Leute wie Bertolt Brecht, Hanns Eisler und Helene Weigel sowie das politische Establishment zum Essen und Trinken hergekommen.  Auch Hermann Henselmann, der Architekt, der die Stalinallee entworfen hat.

Alexander DoeringAlexander Doering

SETJE-EILERS: Also, fangen wir vielleicht mit der Wirkung des Stücks Die Farbe Rot an, zum Beispiel bei der Presse.  Wie wurde der "Liederabend über Bertolt Brecht" aufgenommen?

DOERING: Die Kritiken haben sich total widersprochen und kaum Inhaltliches beschrieben. Selbst die positiven Kritiken haben uns im Grunde nur als tolles Spektakel beworben, aber nicht gesagt, was wir denn nun eigentlich zeigen. Das ganze ist ja durchaus ein politischer Akt, an diesem Haus so etwas aufzuführen. Gleichzeitig stempeln wir Brecht und seine Frauen nicht als Idioten ab.

SETJE-EILERS: Nein das ist...

DOERING: Das Ganze ist sehr ambivalent. Es hat mich gewundert, dass sich kein Kritiker wirklich inhaltlich mit uns auseinandergesetzt hat. Vielleicht war es Ihnen zu schwierig oder sie hätten die Texte zur Hand haben müssen, man weiß es nicht.  Außerdem war Pfingsten. Und Theatertreffen. Da gibt es dieses ungeschriebene Gesetz, dass man keine Premiere während der Zeit rausbringt.  Das Theatertreffen findet in Berlin statt, seit Jahren. Dort werden von einer Jury jedes Jahr die interessantesten Arbeiten aus dem ganzen deutschsprachigen Theaterraum nach Berlin eingeladen und prämiert. So Ende Frühling.

SETJE-EILERS:  Ihre Premiere war am 14. Mai...

DOERING: Zu der Zeit lief das Theatertreffen schon. Auf jeden Fall sollte man in der Zeit in Berlin keine Premiere rausbringen, weil die Kritiker über jede Inszenierung des Theatertreffens ausführlich schreiben und anderes dafür in den Hintergrund tritt. Damit kann man sozusagen nicht konkurrieren.

SETJE-EILERS:  Herr Wittenbrink hat einen anderen musikalischen Abend eine Woche vorher gebracht.

DOERING: Ja, zum Theatertreffen, aber nicht im Wettbewerb, sondern als Bonbon im Beiprogram: "Kein schöner Land."

SETJE-EILERS: Ja, so wie ich es sehe, war Die Farbe Rot ein politisches Stück in Frauenkleider eingekleidet.

DOERING: (Lacht) Genau, ganz genau. Gut getarnt... in Frauenkleidung.

SETJE-EILERS:  Ja, (lacht). Getarnt in roten Strumpfhosen.

DOERING: Ja.

SETJE-EILERS:  ... Vielfalt finde ich wichtig. Für mich ist es das Thema, möglichst viele Bilder nebeneinander stehen zu lassen. Nicht unbedingt als Denkmäler, sondern als Möglichkeiten und dazu gehören auch viele mögliche Musikarten, also ganz viele Musikstile...

DOERING: Ja, das sind Anspielungen. Bei Wittenbrink ist so toll, dass er verschiedenste Musikstile zusammenmischt und damit auf der einen Seite für abwechslungsreiche Unterhaltung sorgt und er andererseits Raum für Assoziationen öffnet, weil es natürlich einen Sinn hat, wenn er einen bestimmten bekannten Musikstil für ein bestimmtes Lied oder einen bestimmten Text benutzt.  Es ist nicht einfach so tralala, nur weil es ihm gefällt.

SETJE-EILERS:  Können Sie mir erzählen, wie Sie dazu kamen, den "jungen" Brecht zu singen? Die Rolle ist ja auf zwei Figuren auf der Bühne aufgeteilt. Burghart Klaußner hat die andere Brecht-Rolle gespielt.

DOERING: Also es war recht überraschend für mich und ich bin sehr spät dazugekommen... Eines Abends klingelte das Telefon und eine sehr tiefe Stimme meldete sich mit einem unverständlichen Namen. Ich dachte, es wäre ein unseriöser Telefonsexanruf, wirklich! Ich dachte, irgendetwas stimmt hier nicht, ich kenne den Herren nicht. Wer ist das? Wo hat der meine Nummer her? Er sagte mehrmals seinen Namen, weil ich ihn nicht verstand.  "Wer ist da?... Wer ist da…?" Ich wollte schon auflegen, blieb aber dran, weil er so hartnäckig war. Und dann stellte sich heraus, es war tatsächlich Franz Wittenbrink, der mich nachts um elf oder so anruft.  Er hatte gerade mit dem ursprünglich besetzten Schauspieler gesprochen und sich mit ihm geeinigt, dass es wohl besser wäre, jetzt aufzuhören und nicht erst drei Tage vor Premiere, damit noch Zeit  für eine Übernahme bleibt.  Wittenbrink kannte mich vom Vorsingen, nur war ich anfangs für die Produktion nicht frei und jetzt kam er auf mich zurück und bat mich um eine herkulische Aufgabe...  Und die habe ich dann versucht, innerhalb von zwei Wochen mit meinen allzu menschlichen Fähigkeiten zu lösen.

SETJE-EILERS: Wann haben Sie zu probieren angefangen?

DOERING: Sofort am nächsten Tag, zehn Uhr. Wir haben uns erst einmal eine Stunde allein getroffen und er hat mir den Ablauf der Lieder beschrieben und, was die Aussage des Abends sein soll.

SETJE-EILERS: Was hat er erzählt, was die Aussage sein soll?

DOERING: Er hat mir den Plot erzählt, was nacheinander passiert und ich habe mir eigentlich selbst zusammengereimt, was das alles für eine Aussage hat. So genau hat er es nicht gesagt: "Ich will das und das mit dem Brecht." Aber es war für mich schnell klar, dass es um eine Art Denkmalsturz geht und dass Wittenbrink dem "Brecht-Museum" am Hause etwas entgegensetzen wollte.

SETJE-EILERS: Brecht nicht als Denkmal...

DOERING: Wir zeigen Brecht als Menschen. Denn das war er auch. Er war nicht wie du und ich, aber er war eben ein Mensch mit seinen Schwächen. Gerade Genies sind oft keine einfachen Menschen...  Zum Beispiel diese Einstein-Debatten, die da jetzt losgehen, zum hundertsten Geburtstag. Was er seiner Frau zugemutet hat, diese ganzen Affären nebenher… Das Wichtige ist aber, dass wir zeigen, dass der Brecht ja nicht über alle Skrupel hinweggegangen ist. Er machte sich ja auch - besonders am Ende seines Lebens - Gedanken, was er vielleicht falsch gemacht hat, was er geschafft hat, was nicht.  Und es gibt diese erstaunlichen Texte, wo er sagt: "Ich habe keine Hoffnung." Er sitzt in seinem Haus in Buckow, die Bücher und die Flasche sein einziger Trost und erinnert sich schmerzlich an die Opfer. Und damit sind menschliche Opfer gemeint. Denn die Steffin...

SETJE-EILERS: Die ist totkrank in Moskau geblieben, ja.

DOERING: Und was dort passiert ist, das wird er gewusst haben. Er wird gewusst haben, aus Briefkontakten und von anderen, die da zurückgekommen sind, was in Moskau in den dreißiger Jahren los war, was dort für ein Kulturregime herrschte. Und hat trotzdem weiter seine Lobreden auf den Kommunismus in der Sowjetunion geschrieben. Und sich später von der DDR kaufen lassen. Und warum soll man das nicht endlich mal zur Sprache bringen, nach so vielen Jahren nach dem Mauerfall, nachdem wirklich ein freier demokratischer Diskurs möglich wäre und nicht um jeden Preis alte und verlogene Ideale verteidigt werden müssten? Gerade an diesem Haus, dem Berliner Ensemble war dieser Abend bitter nötig, weil hier ja schon seit Jahren keine wirkliche Auseinandersetzung mit Brecht mehr stattgefunden hat.  (Vielleicht tat es noch Tabori mit seiner "Brecht-Akte" 1999.)  Auch die Auseinandersetzung mit Brechts Verhältnis zu den Frauen gehört dazu und damit beschäftigt sich der Abend ja ziemlich deutlich…

SETJE-EILERS: Ja und seine chauvinistische Einstellung war nicht einmalig zu dieser Zeit gewesen.  Das ist weitverbreitet gewesen.

DOERING: Ja, das war ja früher noch viel schlimmer, sagen wir einmal im Barock.

SETJE-EILERS: Und wie Sie gesagt haben: Dennoch sind die Frauen geblieben.

DOERING: Geblieben, weil er was hatte, weil er besonders begabt war, weil er ein großartiger Lyriker und politischer Kopf war und weil damals natürlich der Traum vom Kommunismus, einem besseren Menschen in einer besseren Gesellschaft noch nicht ausgeträumt war.

SETJE-EILERS: Vor kurzem hat hat mir einer gesagt, was er vermisst, sind nicht die Sachen, die es in der DDR gab und jetzt verschwunden sind, und nicht durch etwas anderes ersetzt wurden, sondern dass man keinen Traum mehr hat...von einer Zukunft...

DOERING: …keinen Traum von einer anderen Gesellschaft, von einem anderen Menschen, von einer Zukunft, die sich nicht nur pragmatisch auf die Vergangenheit einstellt, sondern wirklich sagt, mit allen Problemen,…Unlösbarkeiten und Unwägbarkeiten dennoch sagt: Wir wollen etwas anderes, wir versuchen es. Und es gibt ja keine wirkliche Bewegung heute, wo ich sagen könnte: "Ja!"

SETJE-EILERS: Und Brecht hatte sie noch...

DOERING: Damals gab es sie natürlich. Dennoch hat er sich kaufen lassen von der DDR. Er wusste schon sehr viel über die Sowjetunion, was dort an ... man muss wirklich sagen, Faschismus, sowjetischem Faschismus, geschehen ist. Die Millionen, die dort umgebracht worden sind, die Künstler, die verboten worden sind, die nach Sibirien geschickt worden sind, das muss er gewusst haben. In den dreißiger Jahren, mit der Geheimpolizei und Stalins Verfolgungswahn.

SETJE-EILERS: Und das hat Wittenbrink hineingebracht und den Kommunismus nicht idealisiert.  Und die Kritiker haben geschrieben, das verstaubte BE, also das Bild Brechts im verstaubten BE...

DOERING: ...ja, genau. Das ist enstaubt worden, ein wenig, durch diese Aufführung im BE. 

SETJE-EILERS: Also, die Putzfrauen... (lacht).

DOERING: Genau (lacht). Es waren die Putzfrauen dran.  Es wird klar, dass es an diesem Abend eben nicht diese typische Denkmalsanbetung ist, die sonst so verstaubt vonstatten gegangen ist. Was mich aber auch gerade an diesem Frauenthema interessiert und was dieser Abend meiner Meinung auch zeigt, ist, dass seine Frauen nicht nur gelitten haben und dass Brecht nicht nur ein Macho war, der sich nicht darum gekümmert hat, was die Frauen so denken, solange es ihm gut ging dabei, sondern dass er letztendlich (auch in seinen "Liebesgedichten," wenn man sie so nennen will) sogar in diesem Bereich modern war.  Denn die Monogamie ist ja eine alte Lüge, die das zweitausendjährige Christentum über die Welt gebracht hat. Der Mensch ist meiner Ansicht nach nicht per se monogam. Und ich glaube auch nicht, dass es gut ist, sich von einem Glauben leiten zu lassen, der sagt, alles, was Trieb ist, darf ich nicht tun und ist moralisch falsch.  Brecht nahm die Liebe, wie sie fiel und hat jeder seiner Frauen, und ich glaube, das kommt auch in seinen Gedichten heraus, klar gemacht, ebenfalls frei zu sein.  Er zwang keine, bei ihm zu bleiben. Er zwang sie ihrerseits auch nicht, monogam zu leben und nur ihn zu lieben. Aber das war natürlich auch typisch für seine Zeit und für die gesellschaftlichen Verhältnisse, dass die Frauen das so nicht leben konnten wie er. Sonst wären sie im damaligen Sinne Huren gewesen, wenn sie auch so frei geliebt hätten wie er. Das Tragische ist, dass all diese Frauen, die sich an ihn gekettet haben, ihn allein wollten, ihn nicht teilen wollten.

SETJE-EILERS:  Die waren unmodern...

DOERING: Die waren unmodern. Man kann auch sagen, egoistisch, weil sie ihn ganz allein für sich haben wollten.

SETJE-EILERS:  Aber die Weigelfigur sagt allen Frauenfiguren am Schluss: Auch er mußte flexibel sein, also er hat eure Hirngespinste und Launen undsoweiter mitgemacht und ihr habt auch schöne Zeiten gehabt, zum Teil.

DOERING: Sagt sie.

SETJE-EILERS:  Zu den anderen Frauen.  Die Weigel sagt zu jeder Frau irgendwas.

DOERING: Ja, genau, du hattest deine Freiheiten hier, du wurdest geduldet..

SETJE-EILERS:  und er hat dich hochgehoben undsoweiter.

DOERING: Ja, genau, genau.  Also er hat die Frauen auch nicht verraten…

SETJE-EILERS:  Er hat sie nur alle gebraucht.

DOERING: Er hat sie alle gebraucht, ja.

SETJE-EILERS:  Und sie alle ihn. 

DOERING: Ja...

SETJE-EILERS: Und das war nicht "die" Wahrheit über Brecht, Herr Wittenbrink sagte mir auch, er hat keinen Wahrheitsanspruch, also dass das jetzt nicht die letzte Wahrheit über Brecht ist...

DOERING: Das kann auch nicht sein. Den kann keiner haben.

SETJE-EILERS:  Das ist aber nur ein anderes Bild von Brecht.

DOERING: Genau, ja.

SETJE-EILERS: Aber sehr liebevoll und sehr...

DOERING: Ja, ich finde letztendlich sogar behutsam. Wir sind nicht vorschnell mit irgendwelchen Urteilen über ihn.  Ich denke, dass, dass... wenn man aufgeklärt ist, man das an dem Abend auch sehen kann.  Die Frauen kommen ja nicht nur schlecht weg.  Wieso sollten denn die Frauen bei dem Abend schlecht wegkommen?  Das glaube ich nicht.  Finde ich nicht.

SETJE-EILERS:  Alle kommen gut und schlecht weg.  Das ist es.

DOERING: Das meine ich.  Das ist ambivalent und das ist doch ein Stück Leben, ein Stück Menschlichkeit…  weswegen ich vielleicht gern noch Theater gucke oder ein Buch lese, weil ich eben nicht schwarz/weiß bekomme und mir gesagt wird, das ist gut und der ist schlecht, sondern alles hat seine Gründe und sein für und wider.

SETJE-EILERS: Ja, das... genau das ist... es hat eine graue Zone gezeigt.  Und der Teppich war eigentlich grau, nicht, oder?

DOERING: das Bühnenbild (lacht). Na gut, die Lieblingsfarbe von Brecht, nicht? Grau.

SETJE-EILERS: Welche Grundfarbe hatte der Teppich, weil ich immer verschiedene Farben notiert habe, ... also der hat sich immer wieder geändert.

DOERING: Der ist einfach grau in verschiedenen Nuancen, also grau, dunkelgrau, hellgrau, schwarz...

SETJE-EILERS:  Das ist interessant.  Das kann ich benutzen, für meinen Aufsatz.

DOERING: Ja, der ist ganz einfach grau in verschiedenen Tönen und da gibt es so eine Art Parkett.

SETJE-EILERS:  Fischgrätenmuster...

DOERING: Aber da müssen Sie sich vielleicht noch einmal mit Maria-Elena Amos treffen, die kann Ihnen das Konzept des Bühnenbildes genauer erklären.  Ich hatte damit wenig zu tun.

SETJE-EILERS: Die Bühne war in drei sehr steile Terassen geteilt.  Das Klavier war sogar auch eine zweite Bühne... Sie haben darauf gestanden, ja?

DOERING: Ja. Ich bin auch mal raufgestiegen.

SETJE-EILERS:  Wie war das, Sie haben doch gewackelt?

DOERING: Sabrina Ascacibar hat sich darauf gerekelt in ihrem Leid und...

SETJE-EILERS:  Und das Klavier war so steil...

DOERING: die Bühne!...

SETJE-EILERS:  und die drei Terassen als ...

DOERING: …der unsichere Boden, auf dem das Ganze stattfindet.

SETJE-EILERS:  fast so wie ein Meer...

DOERING: Ja, Wellen.

SETJE-EILERS:  Wo alle denken, sie gehen unter und dann gehen sie doch nicht unter.  Also es war sehr metapherreich.  Aber grau, das ist interessant... und es war ein ganz grauer Bereich, der eröffnet wurde, also nicht schwarz/weiß, in verschiedenen Grautönen.

DOERING: Ja, genau, ganz genau.  Es ist letztendlich auch ein Abgrund.  Also man kann runterrutschen und fallen...

SETJE-EILERS:  Und das haben alle gemacht.

DOERING: Das Ganze ist nicht sicher.  Der Boden ist nicht sicher.  Da sind Wellen, die einen verschlingen können.  Genau das wird es wahrscheinlich gewesen sein, was sich Maria-Elena Amos beim Bühnenbild gedacht hat, ja.  Ich bin wie gesagt, zwei Wochen vor der Premiere eingestiegen.  Ich konnte mir über so etwas überhaupt keine Gedanken machen.  Ich hatte genug zu tun.

SETJE-EILERS:  Und die Stühle, also kleine Inseln, ja die Bank als Insel, wo man sich rettet.

DOERING: ...Ich hatte genug mit dem Lernen der Texte und Lieder zu tun... Ein Riesenwust an Texten wurde Franz Wittenbrink vor und während der Proben genehmigt.  Und am Ende sind noch sechs Texte dazugekommen, wo unser Dramaturg, Hermann Beil, der Meinung war, die seien genehmigt, weil keine Antwort mehr von Seiten der Erben kam.

SETJE-EILERS:  Ja.

DOERING: Weil keine negative Antwort kam.  Keine Antwort hieß für uns: Sie haben anscheinend nichts dagegen.  Es war kurz vor der Premiere!

SETJE-EILERS: Herr Wittenbrink hat mir gesagt, er hat ein Jahr lang recherchiert und geforscht und dabei alle Polemik gelesen.

DOERING: Ja, er wird sich vorbereitet haben, genau, und ja, es ist enorm, was er geschrieben hat, dabei.  Es ist extrem, was er...

SETJE-EILERS: Also er hat Regie geführt, er hat gespielt, er hat das geschrieben und neu vertont...

DOERING: Er hat ganz viel während der Proben erst vertont. Er wusste vorher nicht, welche Texte und welche Melodie... Aber er hatte auch eine gewisse Zeit, er hat zwei oder drei Monate probiert.  Da konnte er natürlich sehr viel ausprobieren.

SETJE-EILERS:  Was, drei Monate probiert und Sie sind in den letzten zwei Wochen...

DOERING: Ja, die haben angefangen im März, irgendwann Mitte März ... April, Mai... Ja, also zwei Monate haben sie probiert, zweieinhalb Monate.

SETJE-EILERS:  Ich interessiere mich insbesondere für die politische Aussage des Stücks.  Können Sie mir zum Beispiel etwas über das "Einheitsfrontlied" sagen?

DOERING: Das ist von den Brecht-Erben genehmigt worden, das "Einheitsfrontlied."  Natürlich zeigt es inhaltlich… überhaupt keine Zweifel, aber so wie wir es singen, vor allem nach dem Lob der Partei und nach dem Lenin-Text ist es voller Zweifel.  Und wir haben nur die eine Strophe benutzt, die zweite: "Und weil der Mensch ein Mensch ist / Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern. / Er will unter sich keinen Sklaven sehn / Und über sich keinen Herrn. / Drum links, zwei, drei! / Drum links, zwei, drei! / Wo dein Platz, Genosse ist!"  Und dann brechen wir das Lied ja ab.  Weil da Zweifel sind.

SETJE-EILERS: Und die kleine Fahne von Frau Antoni, die geht runter, und die grosse.

DOERING: Ja, schon beim Lenin-Text geht die grosse Fahne runter.  Und dann singen wir das Einheitsfrontlied nicht als Kampflied, sondern erschrocken über den Lenin-Text, über die Folgen der Revolution.

SETJE-EILERS: Der Lenin-Text... das war für Wittenbrink wirklich der Kern des Abends.

DOERING: Ja, das ist der politische Kern.

SETJE-EILERS:  Dass Brecht Zweifel hatte.

DOERING: Ganz genau, ganz genau.

SETJE-EILERS:  Und nicht so idealistisch gemeint, also...

DOERING: Kann er ja nicht, der hat das alles gelesen und gewusst und hat trotzdem seine Loblieder auf den Kommunismus geschrieben.  Das macht das Ganze ja so schwierig. Aber wir haben gezeigt, dass er diese Zweifel hatte und wir haben die auf die Bühne gebracht und haben uns nicht davor gescheut.

SETJE-EILERS: Und das ... der Zweifel war nur das Aufeinanderprallen von Lenin und Brecht und die Fahnen senken, das Lied abbrechen.

DOERING: Ganz genau. Das Lied abbrechen.  Der Lenin-Text ... "Die Gewähr für die Erreichung des gemeinsamen einheitlichen Ziels des Sozialismus bietet nur die ständige Säuberung der Partei in den eigenen Reihen, die Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Reichen, den bürgerlichen Intellektuellen, den Gaunern, den Rowdys und so weiter und sofort." ist... ziemlich hart.

SETJE-EILERS:  Ja, ziemlich hart ...

DOERING: Ja, das ist ja Willkürherrschaft, das ist Willkürjustiz, was der Lenin dort vorschreibt.  Er sagt: Hier bringen wir ein paar um, dort verbreiten wir durch gelbe Pässe Schrecken und dort machen wir eine Putzkolonne aus den Schweinen und so weiter und dann wird das Volk schon Angst genug haben und mitmachen.  Schreckensherrschaft!  Der Text an sich ("Einheitsfrontlied") zweifelt gar nicht.  Bloss wie wir ihn...

SETJE-EILERS: Der Stiefel im Gesicht schon...

DOERING: Nein, es ist natürlich anders gemeint.  Es ist in dem Sinn geschrieben, dass die Unterdrücker, die Kapitalisten uns die Stiefel ins Gesicht drücken.  Das heißt, der Arbeiter ist entrechtet und muss bedingungslos machen, was der Chef sagt, der wiederum die Löhne bestimmt. Der Arbeiter hat nichts zu melden...  Er hat keine Rechte.  Und dagegen hat sich dieses Lied eingesetzt, im marxistischen Sinne.  Dass es eben wichtig ist, sich selbst zu helfen und sich den Kommunisten anzuschließen, der Arbeiterfreiheitsbewegung. Das Lied ist an sich total ungebrochen.

SETJE-EILERS: Also ist es die Ausbeutung durch die Linke dann ... mit der Fahnensenkung.

DOERING: So ist es... Wir stimmen dieses Lied an und merken: Moment mal, dieses Lied in diesem Zusammenhang… also wenn man den Lenin genau liest und wenn man sieht, was alles passiert ist, stellt sich das doch alles selbst in Frage.  Und dann sind... wessen Stiefel sind das plötzlich im Gesicht?

 SETJE-EILERS:  Das war vorhin auch nicht so ganz klar.

DOERING: Aber das ist ja das Interessante, dass plötzlich eine Verschiebung, ein Interpretationswechsel bei uns auf der Bühne stattfindet.  Dass es nicht mehr die Stiefel der Kapitalisten sind, sondern dass es die Partei selber ist und deren Spitzenfunktionäre, die einem den Stiefel ins Gesicht halten und sagen: Du musst!  Und wenn du Zweifel hast: ab nach Sibirien!

SETJE-EILERS:  Also die Zeitungskritiken haben das nicht so beschrieben.  Nur, es gibt viel Erotisches und dann hoppla, jetzt kommt was Politisches, das ist interessant, und dann geht es ins Erotische wieder.

DOERING: Ja, die Rettung ins Menschliche... ins Allgemeinmenschliche danach, klar.  Ich meine, das sagt der Abend auch aus.  Ja, wir halten uns nicht lange mit der Revolution, mit den Revolutionsgedanken auf.  Dieser politische... dieser politische Teil des Abends ist relativ kurz, mit der Fahne, nicht wahr?

SETJE-EILERS:  Aber das war sein Hauptprojekt.

DOERING: Das allein reicht schon aus, um darüber nachzudenken.  Um darüber nachzudenken, wie das mit dem Kommunisten Brecht war.  Er muss doch seine Zweifel gehabt haben.  Und was hat er gemacht?  Er hat sich letzten Endes zurückgezogen, er hat versucht, sein Leben zu leben, er hat versucht, sich zu arrangieren mit dem System.  Er hatte sein Haus in Buckow später, wo er sich entspannen konnte, wenn es überhaupt noch ging, irgendwie.  Die Zweifel blieben.  Und das zeigt der Abend auch, ... dass er am Ende ziemlich alleine ist.  Erst kommt das "Liebeslied aus einer schlechten Zeit," wo ich nach Carmen-Maja Antoni auf die Bühne komme und singe, "Wir waren miteinander nicht befreundet / Doch haben wir einander beigewohnt."

SETJE-EILERS:  O ja, "Warn wir einander ...fremder."

DOERING: Ja, ganz genau, "fremder als der Mond."  Wo klar wird, dass auch die Liebe oder die Flucht in den Sex, in die Gelüste des Lebens nicht mehr hilft.  Es ist alles leer, und er ist auch leer.  Und dann kommt Burkhart Klaußner mit diesem Johnny Cash, mit diesem, wie sagt man...

SETJE-EILERS:  so melancholisch...

DOERING: Es ist... das ist so eine Melange, da sind verschiedene Gedichte in diese Melodie gezwungen. Er ist allein in Buckow und wird die Erinnerung an die Opfer nicht los.  "Dann wieder war ich in Buckow."  "Dem hügeligen am See / Schlecht beschirmt von Büchern / Und der Flasche, Himmel / Und Wasser / Beschuldigten mich, die Opfer / Gekannt zu haben."  Und damit wird ganz klar, dass er am Ende nicht glücklich war und nicht mehr wirklich an eine Zukunft dieses Landes, der DDR geglaubt hat.  Oder an die hehren Ziele des Sozialismus.  Der wird ziemlich klar gemerkt haben, was hier läuft, dass er in einer Diktatur gelandet ist und sich von einer Diktatur kaufen lassen hat.

SETJE-EILERS:  Das ist ein Schlüsselgedicht.

Die Farbe Rot. 2005. Berlin. Photo: Hans-Jörg MichelDie Farbe Rot. 2005. Berlin. Photo: Hans-Jörg Michel

DOERING: Absolut. Dieses hier ist das Schlüssellied, Schlüsselgedicht für seine Beziehung zu den Frauen und zum Sex: "Liebeslied aus einer schlechten Zeit."  Die Aussage ist die: Wenn man nur der Lust als Selbstzweck lebt und eine Frau nach der anderen hat...  sich also in den Rausch der Lust flüchtet, hat man zwar einen kurzzeitigen erotischen Gewinn, aber danach kommt das Gefühl der Leere.

SETJE-EILERS:  Da hat man nur die Lehre...

DOERING: Dass, wenn man heute mit der, morgen mit der, übermorgen mit einer anderen schläft, es im Herzen leer wird.  Es wird klar in diesem Lied, wo die Vielweiberei endet.  Und danach kommt der politische Zweifel, auch dort keine Hoffnung mehr.  Also einerseits die Hoffnungslosigkeit im Eros, in der Liebe und andererseits Hoffnungslosigkeit im politischen Sinne.  Und danach kommt noch einmal eine Art Auflehnung mit "Wir waren auch groß!"  Wir waren ja auch immerhin wer!  Wir waren doch nicht ohne!  Wir haben auch...!  Also nochmals eine Rechtfertigung, der Versuch, sich und den anderen einzureden, dass man alles versucht hat. Und dann kommt auch schon der Abgesang: Dann kommt die Wunschliste. Es ist wie so ein Interview.  "Von den Freuden, die nicht abgewogenen. / Von den Häuten, die nicht abgezogenen. / Von den Geschichten, die unverständlichen..."  Wie so ein privates Parteiprogramm oder so wie ein privates Programm fürs Leben; was man sich wünscht, was man gut findet, was man nicht gut findet.  Und am Ende dann die Grabschrift. die natürlich auch nicht ohne Eitelkeit ist, von Herrn Brecht: "den Namen / Könnt ihr weglassen."

SETJE-EILERS:  Warum sagt er das?

DOERING: Man muss dazu wissen, dass es nicht die einzige Grabschrift ist, die er geschrieben hat.  Er gibt ganz viele, ja.  Immer wieder hat er sich mit seinem Tod beschäftigt.  Also wenn ein Genie sich mit seinem Ableben beschäftigt und damit, was die Welt auf seinen Grabstein schreiben soll oder nicht, ist das nicht ohne Eitelkeit.  Das heißt, er macht sich selbst darüber noch Gedanken, wie die Nachwelt ihn zu empfinden hat, wie sie sich erinnern soll.

SETJE-EILERS:  Was soll mein Bild sein?

DOERING: Wie soll das Bild von mir in der Zukunft aussehen? 

SETJE-EILERS:  Er sagt: Schreibt nur den Namen.  Und lasst den Namen weg.

DOERING: Er nimmt sich auf der einen Seite total zurück und sagt: Ihr braucht euch nicht mal meinen Namen merken. Vergesst mich einfach! Ich möchte nur einen weißen Stein. Aber es ist andererseits der Wunsch, unsterblich zu sein und dadurch besonders aufzufallen, dass man so bescheiden ist.  Dass man noch nicht einmal als Name wahrgenommen werden will.  Es ist eben, das meine ich jedenfalls, eitel.  Es ist das Bestreben, nach außen ganz bescheiden zu wirken, aber eigentlich versteckte Eitelkeit.

SETJE-EILERS:  Oder man kann auch sagen, ein Wunsch danach, nicht gefestigt, also sich nicht als Bild zu fixieren ... wie der graue Teppich.

DOERING: Das würde unterstützen, dass er am Ende gewusst hat, dass er auch versagt hat, und sagt, naja, was weiß ich denn, was habe ich denn jetzt für euch Nachwelt schon wirklich vorgelebt, was habe ich denn wirklich gewusst?  Bin ich ein besserer Mensch, müsst ihr mich als Vorbild nehmen?  Das steckt ja alles mit da drin.  Es ist sehr ambivalent und das macht das Spannende daran aus...  da zu interpretieren, zu überlegen, was das geheißen hat.  Das macht ihn als Menschen eben interessant und es gibt nicht nur eine Wahrheit.  Es gibt eben verschiedene Wahrheiten.

SETJE-EILERS:  Das ist genau, was er dann offen läßt, das Bild...

DOERING: ... mit dem wir uns zu beschäftigen haben.

SETJE-EILERS:  Das Bild bestimmt er nicht.

DOERING: Nein.  Er bestimmt es nicht und dennoch schreibt er natürlich Gedichte, in denen er ein Bild von sich vermitteln will.

SETJE-EILERS:  Aber das ist nur eine, ein Gedicht, oder eine Aussage untern vielen.

DOERING: Unter vielen.  Aber allein, dass der Mann sich Grabschriften ausdenkt, ist doch unglaublich eitel.  Das erinnert mich an Marlene Dietrich, die in ihrem Pariser Zimmer fünfzehn Jahre eingeschlossen gelebt hat und nicht mehr herausgegangen ist, weil sie nicht mehr laufen konnte und sich zu Hause ausgedacht und aufgeschrieben hat, wie sie beerdigt werden will … sich vor ihrem Tod schon ausgemalt hat, wer alles an ihrem Grab, an ihrem Sarg vorbeidefilieren wird und wer die Blumen zu werfen hat, wer dieses und jenes tun wird und wer die Reden zu halten hat... Es ist alles nicht in Erfüllung gegangen.  Nichts davon ist in Erfüllung gegangen, weil am Ende das Schicksal anders entscheidet.  Aber allein, dass sich solche Menschen damit beschäftigen, zeigt doch, wie wichtig ihnen ihr Leben ist und wie wenig sie loslassen können, wenn sie schon soviel erreicht haben, so berühmt sind und ein Bild von Ihnen in der Öffentlichkeit existiert.

SETJE-EILERS:  Das bringt uns zur Politik zurück... das Politische an diesem Abend ist für mich das Interessante.

DOERING: Aber meiner Meinung nach ist eben dieser Frauenteil, der Umgang mit den Frauen politisch. Es zeigt ein gesellschaftliches Bild.  Es zeigt den Umgang mit allgemein menschlichen Dingen.  Und der Kommunismus hat sich auf die Fahnen geschrieben, einen neuen Menschen zu finden, ein neues Menschenbild zu entwickeln.

SETJE-EILERS:  Beziehungen...menschliche Beziehungen.

DOERING: Es geht ja um Beziehungen und Moral und so weiter.  Und von daher ist auch das politisch: Wenn ein Mensch sich dem Kommunismus verschreibt zu der Zeit und dieser sagt: Wir müssen einen neuen Menschen formen... der Mensch muss sich ändern, bevor sich die Gesellschaft ändert... Da möchte man natürlich auch sehen, was der Kommunist Brecht selber vorgelebt hat.  Und das zeigt der Abend.  Deswegen ist auch sein Umgang mit den Frauen politisch.  Deswegen ist das letzten Endes alles politisch.  Das Politische im Menschlichen, im Allgemeinmenschlichen, in den Beziehungen zwischen...

SETJE-EILERS:  Dass das Politsche mit den Frauen zusammenhängt.

DOERING: Ja, ganz genau.  Und das Interessante ist für mich, dass der Brecht als Genie, als das er sich ja auch selbst gesehen hat… Schon in seinen frühen Texten schreibt er, er sähe sich gleich neben Goethe und Schiller!  Schon mit etwa zwanzig Jahren!  Und ein Mensch, der soviel von sich hält, von sich eingenommen ist, wenn der dann vom Kommunismus redet, und vom besseren Menschen und von Bescheidenheit und von Gerechtigkeit und so weiter, ist das schon an sich ein interessanter Widerspruch und ein Spannungsverhältnis.  Ein Mensch, der sich unglaublich gern selbst darstellt, der ein Bild von sich in der Öffentlichkeit baut, der ständig darauf bedacht ist, zu Ruhm und Ehren zu kommen...

SETJE-EILERS:  Ja, das war ein Image-Verlangen...

DOERING: Ein Image-Verlangen ist natürlich spannend, psychoanalytisch betrachtet, politisch, moralisch und so weiter…  Also, es ist ein unglaublicher Fundus.

SETJE-EILERS:  Das ist auch sexual politics.

DOERING: Das ist auch sexual politics, ja.

SETJE-EILERS:  und Macht.

DOERING: Macht... er ist ein absoluter Machtmensch gewesen, ein unglaublicher Machtmensch.  Das sieht man im Privaten ja schon mit seinen Frauen.  Ja, als Haremsführer, da ist...

SETJE-EILERS:  Da kann man am Leichtesten anfangen, die Macht auszuüben.

DOERING: Da fängt es an, ganz genau.  Da im ganz engen menschlichen Umfeld fängt er an, seine Macht auszuüben.  Es gab eben die Sache und die Sache war eben die Sache des Kommunismus.  Immer wenn es brenzlig wurde, war die Sache wichtig, die gemeinsame politische Sache.  Und wenn diese nicht gewesen wäre, wenn dieses Ideal nicht gewesen wäre, ich weiß nicht, ob die Frauen sich dann nicht vielleicht abgekehrt hätten, schon zu bestimmten Zeiten.

SETJE-EILERS:  Das Mittlere dann, oder die dritte Sache... in der Mutter.

DOERING: Die dritte Sache, ja.  Denn wenn es diesen Kommunismusgedanken nicht gegeben hätte und die Verfolgung durch das Dritte Reich, durch Hitler, ich weiß nicht, ob die Frauen so brav bei ihm geblieben wären, nur weil er ein so großer Denker und Poet war.  Das weiß ich nicht.  Das kann man nicht beantworten, aber...

SETJE-EILERS: Ruth Berlau und Elizabeth Hauptmann waren auch im Exil in den USA und haben mit Brecht Kontakt gehabt.

DOERING: Elizabeth Hauptmann hat sich früher von ihm abgekehrt.  Die hat Schluß gemacht, weil sie ihn ganz wollte und sie hat sich sehr von ihm betrogen gefühlt.  Sie hat ja am meisten gelitten.  Das ist zumindest das, was die Briefe aussagen.  Sie hat mehrere Selbstmordversuche unternommen, das ist auch in der Inszenierung mit dem Blut auf der Schreibmaschine angedeutet worden.

SETJE-EILERS:  Mir ist jetzt noch eine Frage eingefallen ... über den Hintergrund eines Textes.  Warum sagt die Affolter, die spielt manchmal Ruth Berlau...

DOERING: Das mischt sich, ja.

SETJE-EILERS: Warum kommt dieser Text über Schreiben.  Du hast nicht geschrieben, dass du nicht schreiben wirst?

DOERING: Das ist eigentlich Karl Valentin, das ist kein Brecht-Text und auch kein Text von diesen Frauen. Das ist ein Karl Valentin. Das ist dieser arme Bayer gewesen, der sich in der... im ...

SETJE-EILERS:  "Liebesbrief?"

DOERING: Ja, ein "Liebesbrief" ... nennt er das. Ich weiß nicht, ob es eine Aufzeichnung mit seiner Partnerin gibt.  Damals, in den zwanziger, dreißiger Jahren hatte er eine Kollegin, mit der er immer auf der Bühne gewesen ist, Liesl Karlstadt. Und die wird diesen Text gesprochen haben.

SETJE-EILERS:  Das hat thematisch zusammengepaßt...

DOERING: Das ist nur thematisch passend, weil Brecht diesen Brieftext verfasst hat: "Schreib mir, was du anhast!  Ist es warm? ... Schreib mir, wie's dir geht!"  Wo augenscheinlich klar wird, er macht sich Gedanken um seine Liebste, aber eigentlich denkt er total egoistisch, denn seine letzten Worte in diesem Text sind: "Schreib mir, woran denkst du? Bin es ich?"  Bin es ich, bin es ich?  Es geht immer um ihn selbst. Und das zeigen wir schon am Anfang des Abends: diesen präpotenten, diesen von sich selbst eingenommenen Menschen Brecht, der unglaublich viele Stücke auf sich hält.  "Liebesbrief", nein "Fragen" heißt der Text: "Schreib mir, was du anhast!" usw.  Und darauf folgt dann Karl Valentin mit diesem "Liebesbrief."  Wir machen darauf aufmerksam: Er selbst schreibt nicht!  Das ist, wovon die Antoni später dann spricht: "Wenn dein Freund sagt, er kommt, glaub ihm nicht!  Hier ist keine Naturkraft am Werke."

SETJE-EILERS: Es ist auch damit angedeutet, dass die Frauen schon sehr viel geschrieben haben.

DOERING: Die Frauen haben unglaublich viel geschrieben, aber... nein nein, das ist da noch nicht drin.  Das ist einfach nur eine Art Brief, in dem er fragt: Denkst du an mich?...  Aber das Ganze verklausuliert als Sorge um die Frauen: "Wie geht's dir, was hast du... du musst mir sagen, wie es dir geht, du musst mir sagen, wenn du nichts zu essen hast" und "Ich kann dir leider nicht helfen.  Mir geht's schlecht.  Ich würde dir so gern helfen, aber vor allem: Denkst du auch an mich?"  Die ganze Zeit geht es nur um ihn, wenn es ihm um andere geht.

SETJE-EILERS: Es hat mich fasziniert, metaphorisch, dass im Tanz, weil es fünf Frauen gibt... Dass eine immer übrig bleibt… Die Antoni tanzt am Ende mit ihrer Tasche!

DOERING: Einer bleibt natürlich immer übrig.  Wenn es fünf Frauen gibt und zwei Männer, dann sind es sieben insgesamt: Da muss immer eine übrigbleiben.

SETJE-EILERS:  Dann die Brechts - die zwei Brechts tanzen miteinander...

DOERING: Tanzen miteinander, genau... Weil er sich selbst am nächsten ist.

SETJE-EILERS:  Am meisten liebt.

DOERING: Am meisten liebt, ja, ganz genau.

SETJE-EILERS:  Also eigentlich ist es auch Kern, Kern des Stücks.

DOERING: Ist es auch, ja.

SETJE-EILERS:  Und mit dem Zweifel und mit dem ...

DOERING: Mit sich selbst leben, sich selbst am Wichtigsten zu sein. Also diese Egomanie ist es letztendlich, immer wieder die Egomanie... eines Genies.

SETJE-EILERS:  Aber schauen wir eine Persönlichkeit wie zum Beispiel Nietzsche an...

DOERING: Aber natürlich.  Das haben ja alle "Großen" dieser Welt.  Das ist ja bei uns Otto-Normalbürgern auch oft so.  Bloß, da interessiert es keinen, weil wir keine Genies sein müssen. Aber wenn ein Genie zum Genie erklärt wird, dann erwartet man natürlich, dass er besser als alle anderen ist.  Und das ist eben der Kurzschluss.  Das ist eben der Quatsch. Dass wir immer jemanden zum Denkmal erheben und meinen, er dürfe keine Fehler haben. Er ist eben konsequenter in seinem Weg gewesen und dabei vielleicht auch gemeiner, böser, ohne Rücksicht auf Verluste.  Aber das gestehen wir leider Genies zu wenig zu.  Das Bild muss geputzt werden und die Lüge wird immer infamer.

SETJE-EILERS:  Goethe als Frau und Schiller als dies und das, aber Brecht muss gleich bleiben.

DOERING: Ja, wir haben das Glück, dass Goethe schon lange tot ist und mit genügend Freiheit über ihn geschrieben werden kann.  Schiller hatte auch seine Frauengeschichten, wo er... heute mit der, und morgen dann doch plötzlich mit der, natürlich hin und her gerissen, hin und her gerissen.  Man sollte freien Umgang pflegen mit den Denkmälern, finde ich.

SETJE-EILERS:  Das wird überall sonst gemacht.

DOERING: Außer beim Holocaust... Das ist… vielleicht noch... ein Tabu.  Wenn ich sehe, was in Deutschland mit dieser zwanghaften Suche nach dem richtigen Denkmal hier in Berlin… aus dem Boden gestampft werden musste, mit diesem… Gräberfeld.  Wo die Leute darauf herumlaufen und Picknick machen!  Wie kann man denn einem Volk den Umgang mit einem Denkmal aufzwingen.  Das ist doch... das ist immer absurd. Wenn man sagt: Ihr müsst euch daran erinnern, ihr müsst euch so erinnern, ihr müsst, ihr müsst, ihr müsst…

SETJE-EILERS: Dieses Denkmal ist aber sehr abstrakt, was dann ziemlich weiten Freilauf der Gedanken...

DOERING: Aber der Umgang damit, das ist ja... nicht nur der gedankliche... Wie begegnet man einem Denkmal, wie pflegt man die Erinnerung? Und es kommt schnell dazu, dass... Also ich kenne das noch aus der DDR, wie wir erzogen worden sind, mit Denkmälern umzugehen...

SETJE-EILERS:  Und wie war das?

DOERING: Zwanghaft! Das war... Man wurde belehrt und dann mußte man zu bestimmten Anlässen und Feiertagen eben marschieren.

SETJE-EILERS:  Und das war vorgegeben, wie man so zu denken hat.

DOERING: Ja, das wurde von oben alles eingezwungen, wie man zu gedenken hat.  Das heißt, es gab keinen freien Umgang damit. Es wurde vertuscht, was eigentlich im Volk vorgeht, aber so wurde man die Geister, die immer schwach sind, nicht los.  Man wird damit die Leute nicht los, die sich dagegen wehren.  Im Gegenteil.  Die Opposition wächst!...

SETJE-EILERS: Also, damit sagen Sie, es ist eine Tradition der alten DDR, ein Bild nicht zu ändern, Denkmäler vorzugeben.

DOERING: Ja, ganz genau, Kritik nicht zuzulassen und zu sagen, ihr müsst euch an dem und dem Tag so und so daran erinnern.  Ihr habt so und so den Mund aufzumachen, ansonsten habt ihr den Mund zu halten… Ich glaube nicht, dass das mit Erinnern zu tun hat und mit … dem freien Willen, sich zu erinnern...  Weil ich glaube, es ist wichtig, dass die Leute aus freier Entscheidung sagen: Das will ich nicht wieder oder das war großartig, daran denke ich gerne zurück und da gehe ich hin.

SETJE-EILERS:  Also so gesehen ist Die Farbe Rot ein Stück gegen die "hardcore" DDR, die alte vor der Mauereröffnung ...

DOERING: Ja...

SETJE-EILERS: Aber auf der anderen Seite ist es auch ein Stück gegen Ostalgie, gegen das falsche Erinnern.

DOERING: Ja, gegen das falsche Erinnern, gegen das falsche Idealisieren und das falsche Erinnern.

SETJE-EILERS:  Und das falsche Denkmalbewußtsein.

DOERING: Ja, ganz genau, ganz genau.  Der falsche Umgang mit Denkmälern.

SETJE-EILERS:  Und das ist höchst politisch.

DOERING: Absolut, absolut. Deswegen sind die Zeitungskritiken so nichtssagend, weil sie sich dem nicht gestellt haben.

SETJE-EILERS: Aber das ist, glaube ich... das könnte ich auch nicht so schnell an einem Abend... Also ich sehe das Stück, ich laufe nach Hause...

DOERING: Aber ein Kritiker, der… schon viel gesehen hat von Brecht in diesem Haus, über Brecht... Ein Kritiker, von dem ich annehmen darf, wenn er in solch einen Abend geht, dass er sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat!  Er ist ja kein normaler Zuschauer! Es ist doch ein Armutszeugnis, wenn er einfach nur polarisiert, indem er schreibt, er fand’s ganz toll, ohne zu sagen, worum es gegangen ist, oder… es war ganz schrecklich.  Das ist keine konstruktive Kritik, das ist keine Beschreibung des Abends, das ist keine inhaltliche Auseinandersetzung.  Das ist nur Polarisierung für den Leser, damit er was zum Lachen hat.  Das ist mir zu wenig.

SETJE-EILERS: Und es ist auch keine intellektuelle Auseinandersetzung. Und das ist in einfacher Sprache, so dass die Leser sich das merken können und auch darüber etwas sagen können, ohne mehr davon zu wissen.

DOERING: Man kann es sich natürlich besser merken, wenn man liest: "Die Schauspieler können nicht singen!"  Das merkt man sich.

SETJE-EILERS: Aber die anderen sagen, also absolut das Tollste dran war, war dass der Gesang so gut war.

DOERING: Ja, genau, das alles zeigt mir, dass sie sich überhaupt nicht wirklich damit auseinandergesetzt haben… Dass sie auch nur ein Denkmal im Kopf haben von Brecht… Das ist nicht links, was wir machen, das ist nicht links, also muss es schon irgendwie gemein sein und oberflächlich... Es war wahrscheinlich immer schon so, dass es weniger Sinn macht, die Menge der Menschen zu erreichen, indem man dialektisch denkt, indem man ambivalent denkt, indem man was auslotet, sondern es einfacher ist, zu sagen: So ist es!

SETJE-EILERS: ... und ein Brecht-Bild liefert.

DOERING: ...Ich bin dagegen oder ich bin dafür.

SETJE-EILERS:  Und das ist vielleicht das Problem, die Ambivalenz darzustellen, weil das Publikum es nicht will.

Die Farbe Rot. 2005. Berlin. Photo: Hans-Jörg MichelDie Farbe Rot. 2005. Berlin. Photo: Hans-Jörg Michel

DOERING: Die kommen trotzdem ins Theater.  Das hat seine ganz eigene… Dynamik, was das betrifft. Die Herren Kritiker hätten wahrscheinlich gern mehr Einfluss darauf... Das ist ihr Problem. Die Verbitterung darüber merkt man Ihnen manchmal auch an.  Der Kritiker sollte sich doch nicht selbst in den Vordergrund spielen, sondern beschreiben, was er gesehen hat.  Erst einmal wertfrei beschreiben, was er gesehen hat und dann überlegen und abwägen, warum etwas vielleicht nicht geklappt hat, was der Abend womöglich bezwecken wollte… was dennoch gut an dem Abend war usw. Aber so wird selten eine Kritik gemacht, weil sie genau wissen: Das liest der Leser nicht gern.

SETJE-EILERS: Der will eine Meinung, sodass er etwas sagen kann...

DOERING: Er will eine Meinung.

SETJE-EILERS: Und Sie kennen sicher Heldenplatz von Thomas Bernhard.

DOERING: Ja...

SETJE-EILERS:  Wie die Figuren über die Presse und die Feuilletons loslegen.

DOERING: Ja, das ist eine alte Hass-Liebe, eine alte Hass-Liebe.  Ist immer wieder das gleiche.  Zum Beispiel, diese eine Kritik hier ist überhaupt keine Kritik.  Es wird geschrieben… dass es um die Frauen geht, dass zwei Männer und fünf Frauen auf der Bühne stehen, dass gemeinsam gerapt, geschmettert und gewütet wird, und dass... es kongenial vertonte Gedichte gibt,… mal witzig und mal herzzerreißend, mal zum Schaudern schön!... Also fürs einfache Volk, die Kritik. Und dass es ziemlich deftig zugeht. Und am Ende steht: "Es ist nur Sauerei." Hier, noch eine Kritik…  Also sie sagen alle im Grunde: unterhaltsamer Abend, sehr unterhaltsam!  Bisher lese ich auch nichts Schlechtes über die Schauspieler, im Gegenteil und auch die Lieder seien toll, aber wir würden halt unserem Ziel nicht gerecht geworden sein, dass wir ein politisches Bild von Brecht zeigen… Also wir hätten uns zu wenig damit auseinandergesetzt.  Das zeigt wiederum, dass sie nicht begriffen haben, wie das Politische über den Menschen Brecht zu zeigen ist, über seine Beziehung zu den Frauen.  Das ist für die alle nicht politisch…  Verrückt!

SETJE-EILERS:  Wobei ich eine Kunstausstellung in Los Angeles gesehen habe, die hat "sexual politics" geheissen.

DOERING: Ja, eben.  Sehr gut. Das ist sexual politics. Das Problem ist halt, dass Franz Wittenbrink den Abend Die Farbe Rot nannte, mit dem Untertitel Liebe - Utopie - Blut.  Und allen Journalisten im Vorfeld gesagt hat, dass er sich mit dem politischen Brecht auseinandersetzen will und ein Denkmalsturz versuchen will. Und das haben die alle im Sinn, wenn sie diese Kritiken schreiben und sind alle enttäuscht, dass er sich jetzt mit den Frauengeschichten aufhält.  Das ist so ein Riesentitel, wo man denkt, ach, die ganze Welt wird jetzt an diesem Abend erklärt.

SETJE-EILERS:  Und die Kritiker haben dann diesen Untertitel gesehen oder gehört.

DOERING: Ja und sie wollten vor allem natürlich den politischen Abend, die Auseinandersetzung mit der Politik sehen, an dem Abend. Und haben letztendlich mit dieser Brille auf den Abend geschaut. Die Kritiker haben bestimmte Erwartungen gehabt ... Ja, es ist ganz schwer zu beurteilen… Jeder sieht etwas anderes und findet etwas anderes richtig. Und letztendlich steht man als Persönlichkeit auf der Bühne.  Schon allein, wenn einem Kritiker die Nase eines Schauspielers nicht gefällt oder die Art, wie er spricht, unsympathisch ist, kann ihn das dazu verleiten, eine negative Kritik zu schreiben, in der es gar nicht mehr um inhaltliche Sachen geht, geschweige denn um handwerkliche, da jeder etwas anderes versteht unter dem Handwerk eines Schauspielers.  Es gibt keinen Formenkanon, so wie beim Maurer, der so und so mauern muss.  Was ist gutes und was ist schlechtes Schauspiel?

SETJE-EILERS:  Und Sie bekommen nicht von jedem Besucher eine Kritik, also schon im Biergarten oder ...

DOERING: Ja, es kommen manchmal Leute, aber die sind natürlich, selbst wenn sie es toll fanden, schüchtern und trauen sich nicht.

SETJE-EILERS:  Sie sagen nur, es war toll und sprechen nicht so lang darüber...

DOERING: Oder sie kommen gar nicht, weil sie sich nicht trauen. Es gibt auch Abende, wo das Publikum das nicht so gut aufnimmt, aber man selbst der Meinung ist, gut gewesen zu sein.  Und dann gibt es Abende, wo man sich fürchterlich findet und die Zuschauer klatschen wie wild.  Darauf muss man sich dann seinen Reim machen. Natürlich will man geliebt werden und will, dass es den Leuten gefällt und die auch kommen und sagen, dass es ihnen gefällt.

SETJE-EILERS:  Im Theater hat man zwei Stunden Zeit, die Zuschauer zu begeistern und zu überzeugen.  Das ist nicht sehr lang.  Das ist sehr stressig, ja.  Um auf etwas anderes zu kommen ... Können Sie einiges zu den neuen Texten, sagen, die Texte die ausgetauscht werden mußten und die neuen, die eingesetzt wurden?  "Gedanken über die rote Fahne," das ist "Bericht vom 1. Mai 1905," dieser Text wurde durch "Lob der Partei" ersetzt.  Inhaltlich ist es nicht viel anders.  Es ist nicht so, dass es ein gefährlicher Text ist oder sowas, oder ein kritischer Text.

DOERING: Nein... es ist austauschbar.  Es sind Lieder über den Kommunismus und das eine ist das Besingen der roten Fahne und der Trotz gegen die Kritiker des Kommunismus. Und der andere Text ist ein Lob auf die Partei, auf die Arbeiterpartei. Also es sind verschiedene Aspekte, aber es ist beides ein Lob des Kommunismus. Ich finde sogar "Das Lob der Partei" prekärer als "Gedanken über die rote Fahne."  Aber schade ist es doch, dass es gestrichen wurde, weil "Gedanken über die rote Fahne" musikalisch interessanter war...

SETJE-EILERS:  Wie ist es mit dem Text, "Wir waren auch groß," der durch "Adresse des sterbenden Dichters an die Jugend" ersetzt wurde? Was ist der Unterschied inhaltlich?

DOERING: Also da ist ein Unterschied. In "Wir waren auch gross" haben wir den Dichter, der sich rechtfertigt für all sein Zweifel, die er jetzt hat, für seine Hoffnungslosigkeit und  sagt: Wir waren ja auch wer!  Wir waren wer! Wir… waren ja nicht dumm!  Wir haben alles versucht und genauso wie ihr haben wir eine große Fresse gehabt. "Adresse des sterbenden Dichters an die Jugend" ist skeptischer. Da heißt es: "Nicht ein Wort / Weiß ich für euch, ihr Geschlechter kommender Zeiten / Nicht einen Hinweis mit unsicherem Finger / Könnt ich euch geben, denn wie / Könnte ich den Weg weisen, der / Ihn nicht gegangen ist!"  Also ich kann euch nicht helfen, ihr müsst selber sehen, was ihr aus eurem Leben macht.

SETJE-EILERS: Also kann ich euch keinen Rat geben.

DOERING: …keinen Rat geben.

SETJE-EILERS:  Haben die Brecht-Erben die neuen Texte auch genehmigt?

DOERING: Die waren schon unterschrieben.  Die waren aus dem reichlichen Fundus, den sie schon genehmigt hatten.  Also, alles, was hier von den ausgetauschten Texten von Brecht ist, war schon unterschrieben.

SETJE-EILERS: Also am Ende wurden Brecht-Texte teilweise durch Brecht-Texte ersetzt.  Über diesen Tatbestand könnten wir sicher einiges sagen, aber jetzt habe ich Sie sehr lang heute aufgehalten.  Ich bedanke mich sehr für das gute Gespräch, Herr Doering. Es hat mir vor allem geholfen, die politischen Zusammenhänge dieses musikalischen Abends zu verstehen.

DOERING: Wunderbar.

© Electronic Communications from the International Brecht Society: ECIBS 36.1 (Winter 2008)