Book Review: Klitos Ioannides / Die Innenseite des Mantels

Book Review: Klitos Ioannides / Die Innenseite des Mantels

Klitos Ioannides. Poems. Armida Publications Ltd. Nicosia 2007.

Dichter tragen einen "Poetenmantel," heißt es, immer wieder schlagen sie ihn auf, um das Dunkel ans Licht zu bringen. Dies Dunkel ist das wärmende Futter privater, körpernaher Erfahrungen, die Rückseite jener imprägnierten Aussenseite, von welcher der Regen abperlt. Als ich mit Klitos Ioannides, dem zyprischen Dichter und Philosophen, im vergangenen Juli in einem Berghotel oberhalb von Paphos im Schatten eines Johannisbrotbaums frühstücke und ausser Gott und die Welt auch dieses Bild diskutiere, ist es die "Innenseite des Mantels", die es dem griechischen Zyprioten angetan hat und ihn an seine Arbeitsweise erinnert. Auch die Prägung durch seine Studienzeit in Paris kommt ihm in den Sinn. Ioannides sucht seitdem für seine Dichtung eine, wie er formuliert "sich mitteilende singende schwingende sich verhüllende Sprachgestalt". Er zitiert aus einer Sammlung von Gedichten der letzten vierzig Jahre, die kurz vor der Veröffentlichung steht. In drei Sprachen - Englisch, Griechisch und Französisch - sollen sie "eine Zusammenschau von Politik und Landschaft, Menschen und Geschichte, Glauben und Identität ins Licht rücken."

Jetzt liegen die Gedichte schwarz auf weiss, parallel in den drei genannten Sprachen, in einem druckgraphisch hervorragend von Armidas Publications gestalteten Buch vor und lassen die intendierten Erwartungen deutlich durchscheinen. Ioannides' Sprachbilder berühren durch ihre Einfachheit, Präzision und Äusserstes an Menschlichkeit. Unüberhörbar eingebunden in die mediterane Welt, in der Homer, Empedocles und Aphrodite fortleben, entwerfen die Gedichte Kinheitserinnerungen, sprechen über das Lieben und nähern sich dem Tod.

Zugleich ist der jüngere geschichtliche Kontext seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts - die Bedrohung der Unabhängigkeit des jungen Staates durch ausländische Mächte, der Bürgerkrieg zwischen Inselgriechen und Inseltürken und der Widerstand gegen die Invasion der Türkei - präsent, ohne vordergründig thematisiert zu werden. Der Dichter: "Selbst wer es wollte, kann sich nicht heraushalten." Und Ioannides hält sich nicht heraus.

Aus dem Schicksalsjahr 1974, das durch den Putsch der Athener Junta gegen die Regierung und die Usurpation eines Drittels der Heimat durch die Türkei unerermeßliches Leid für die Menschen gebracht hat, sind es vor allem Gedichte zur Flucht und Vertreibung, die sich heute wie Dokumente der Mahnung und des Widerstands lesen. Auch der auffallend selbstverständliche Umgang mit antiken griechischen Mythen ist nicht dem akademischen Interesse des Philosophen, sondern der alltäglichen Begegnung mit einer archäologisch und geistig gegenwärtigen Vergangenheit geschuldet. Was Ioannides' Dichtung dabei auszeichnet, ist eine gleichzeitige Distanz, die wohl dem Training aufklärerischer Gedankenfreiheit in Paris und der ästhetischen Beschäftigung mit Hölderlin, Nietzsche, J.J. Rousseau und Chenier zu danken ist.

"Nicosia" heisst eine seiner poetischen Landschaften, in der die venizianische Mauer Attila trotzt. Spannungen in der sich modernisierenden Gesellschaft Restzyperns der achtziger Jahre versteht er mit wenigen Worten festzuhalten. Ob als Erinnerungseinschübe, Rückblenden in Selbstgesprächsform, Aphorismen, Kommentare - stets sucht er die widersprüchlichen Verhältnisse zu erhellen. Die Gedichte lösen auf den Leser ein starkes Zugehörigkeitsgefühl aus, sie leihen uns ihre Stimme, um sich unserer eigenen zu vergewissern.

"Ohne Glauben aber wäre das Fremde nur ein Schrecken", sagt Ioannides und trinkt den letzten Schluck türkischen Kaffees. Anders als viele seiner westeuropäischen Achtundsechziger Zeitgenossen hat er, wie er lachend in Deutsch zitiert, "das Baby nicht mit dem Badewasser ausgegossen", was heisst, sein politischer und philosophischer Horizont war und ist durch seine christliche Religiosität geprägt. Sie gibt ihm den "langen Atem", wie es in seinem Gedicht "Meer des Ostens" berichtet. Er bekennt sich damit wie die übergroße Mehrheit der griechischen Zyprioten zur orthodoxen Kirche. Die Kirche ist sowohl durch ihre byzantinsche Vergangenheit die Brücke zum antiken Griechentum, als auch vor allem seit den Jahrhunderten der osmanischen Fremdherrschaft der Drehpunkt der Identität. Es war deshalb nur folgerichtig, dass diese Volkskirche nach dem Zweiten Weltkrieg ideell und praktisch die antikoloniale Befreiungsbewegung mobilisierte und mit Erzbischof Makarios den unangefochtenen nationalen Führer und ersten Staatspräsidenten stellte.

Ioannides' Poesie ist geprägt vom christlichen Gebot, das das Ideal von Frieden und Brüderlichkeit stärker sein kann als Rache und alle Haßgefühle, die durch die Erinnerung an das Böse geschürt werden."Die Werte der europäischen Zivilgesellschaft sind nicht die Kraftakte Einzelner oder glückliche Fügungen nach kriegerischen Ermattungen, sondern das gewachsene und zu bewahrende Bewußtsein von Generationen". Gottes Friedenswerk in den Sprüchen der Evangelisten Johannes und Mathäus ist für ihn keine Utopie, sondern Anweisung zum Handeln.

Insofern erinnert auch dieser Gedichtband daran, wie Zypern schon oft mancher Erwartung widerspricht: während des Kalten Krieges erwirbt sich die junge Republik internationalen Respekt, indem sie in der Bewegung der Blockfreien ihre Ziele artikuliert; seit Jahrzehnten ist die kommunistische Partei Akel die stärkste poltische Kraft des Landes (zur Zeit in einer Koalitionsregierung und mit einem aussichtsreichen eigenen Präsidentschaftskandidaten für die kommende Wahl); der Beitritt zur Europäischen Union (obgleich die Insel geographisch zu Asien gehört und ihr Kriegszustand mit dem EU-Beitrittskandidaten Türkei mehr als problematisch für die Union ist), verläuft zielgerichtet, erfolgreich dank der vorbildlichen Erfüllung aller wirtschaftlichen und rechtsstaatlichen Kriterien; trotz des Drucks der UNO und EU entscheided die Mehrheit der griechischen Zyprioten gegen alle Sentimentalität, den sogenannten Annan-Plan zur Wiedervereinigung abzulehnen, da er die demokratische und territoriale Integrität der Republik zugunsten türkischer Interessen verletzt.

Das antike Verständnis vom politicon zoon trifft im neuzeitlichen Zypern wahrlich auf das politische Alltagsempfinden der Menschen zu. Der hohe Bildungsstandard auf der Insel - "europäisch" seit den Tagen des Kalten Krieges als die politischen Bewegungen für die Kinder ihrer Anhänger in Athen, Moskau, Prag, Leipzig, Bukarest, Paris und London Studienplätze und Berufsausbildung vermittelten - ist ein weiterer nachhaltiger Impuls für die erfolgreiche Selbstbestimmung im europäischen Einigungsprozeß. Die Beziehungen zu den Orten und Menschen jener Jugendzeit leben fort, "sind aufgehoben", wie Ioannides seinem deutschen Gesprächspartner als gemeinsames, vertrautes philosophisches Denken in Erinnerung bringt.

Nach dem Lesen des Gedichtbandes ist mir klar, warum Ioannides das Bild vom Poetenmantel so treffend für sein Tun und Denken empfand. Seine Gedichte sind privat, körpernah, verborgen in der Innenseite des Mantels, die selbstbewußt das Dunkel ans Licht bringt - eingedenk der Rückseite jener imprägnierten Aussenseite, von der der Regen abperlt, wie es seit der Ilias heißt.

© Electronic Communications from the International Brecht Society: ECIBS 36.1 (Winter 2008)