Book Review: Heinz-Uwe Haus / Notes on Directing

Book Review: Heinz-Uwe Haus / Notes on Directing

Heinz-Uwe Haus. Notes on Directing. Cyclos Theater Books, Nicosia, 2007.

Von der Notwendigkeit und dem Wesen des Theaters

Der zyprische Verlag Cyclos hat - nach der erfolgreichen Veröffentlichung von Haus' Re-Reading of Ancient Greek Theatre Texts vor zwei Jahren - dieser Tage (mit Unterstützung des zyprischen Bildungsministeriums) eine weitere Sammlung von Notaten des einstigen Berliner Regisseurs und heutigen amerikanischen Hochschullehrers herausgebracht, die auch in Deutschland Aufmerksamkeit verdient.

Nicht nur Erfahrungen von mehr als drei Jahrzenhnten Regiepraxis sind hier aufgehoben, sondern auch theoretische Erkenntnisse werden dargestellt und erweisen sich als stichhaltig. In sechs Kapiteln - Grundhaltungen, Konzept und Zusammenarbeit, Brecht Wi(e)derlesen, Shakespeares komplementäre Perspektive, Antikes Griechisches Erbe, Theater als transkultureller Vorgang - führt Haus den Leser immer wieder auf die wesentliche Funktion des Theaters zurück: die Herrschaft des Menschen über sich und sein soziales Wesen in Geschichten abbilden zu können. Von der antiken orchestra bis zum empty space stellt der Autor die gesellschaftlichen Verhältnisse als den Motor theatralischer Vorgänge dar: "Das Chaos des Lebens soll als überwindbares System von Widersprüchen zu Bewußtsein kommen" (1). Alles Vorborgene, Verschleierte, Undurchsichtige scheint dem Autor nur der rote Faden zur dialektischen Aufhebung der  Widersprüche.

In jedem Beitrag wird deutlich, dass Haus Theaterarbeit vorbehaltlos im Sinne Brechts als aktiven Prozess der Geistes- und Seelenbildung versteht. Das ist nach seinem Lebenslauf nicht verwunderlich. Im Vorwort bekennt er sich ausdrücklich zu Brechts Einfluss auf sein Tun und Lassen. Als seine beiden herausragenden Lehrer benennt er Wolfgang Heinz, der ihn einst als Meisterschüler ans Deutsche Theater verpflichtete, und Manfred Wekwerth, der ihn später in seine Arbeitsgruppe engagiert hat und dem er über Jahre am Regieinstitut der DDR verbunden blieb. Haus' Erfahrung mit Brecht als survival kit während des dogmatischen Kulturalltags hat ihn auch nach dem Fall der Mauer nur bestärkt, so viele wie mögliche Kulturtraditionen der Geschichte und der Gegenwart auf ihren use value (Gebrauchswert) hin zu befragen und in seine Arbeit einzubeiziehen, vorausgesetzt, sie helfen bei der Überwindung alles Mystischen, Irrartionalen, Dekadenten, und zwar in Inhalt und Form. Die "Gesellschaftsumwälzer", wie Brecht die Menschen nannte, die ihr eigenes Leben und das Gesicht ihrer Gesellschaft verändert haben, sind nach Haus' Auffassung nur begrenzt gestaltbar mit einer Methode, die unter gesellschaftlichen Bedingungen entstand, "worin der Produktionsprozeß die Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsprozeß bemeistert" (2). Das Menschlich-Bilden der Umstände im Verlauf geschichtlicher Daseinsbeherrschung ist für Haus keine graue Theorie oder diskreditierter Denkansatz, sondern Verwirklichung und Schranke individueller Freiheit zugleich, derentwegen der antike Chor ebenso vor sein Publikum trat wie Shakespeares Richard III.: als Spielstätte des sich mündig machenden Bürgers.

Einsichten in das soziale Getriebe zu gewähren, Impulse für seine Veränderung zu erzeugen, "das Vergnügen an der Meisterungsmöglichkeit des menschlichen Schicksals durch die Gesellschaft" (3) erlebbar zu machen, ist für Haus das Wesen und die Existenzgrundlage der Schauspielkunst. Sein Vortrag zur Eröffnung der Regieabteilung der Theaterakademie Malmö setzt sich dieser Zielsetzung wegen sowohl von Stanislawski und Strasberg als auch von einem Regietheater bar aller konkret-historischen Bezüge ab und fordert, was heute wie gestern gültig war: "Haltung einzunehmen" (4).

In dem Material zu Leben des Galileo wendet er sich gegen jedes Verharren in Gestaltungsschablonen und einmal gefundene typs, jede Verabsolutierung zufälliger Wirklichkeitsausschnitte, jedes normative Regelwerk. Hier zieht er vor allem mit dem "Pessimismus der Intellektuellen" ins Gericht und versichert sich Gramscis "Optimismus des Willens". Auch die Notate zur Athener Erstaufführung von Baal, zu Sezuan in Milwaukee oder zu Arturo Ui in Bowling Green geben dem Leser ein überzeugendes Bild von der Wirkungskraft Brechtscher Ästhetik.

Haus' Ziel ist eine ausgeprägte künstlerischen Regiekultur. Die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen des gesellschaftlichen Lebens und das Streben, Neues durchzusetzen, gehören nach seiner Auffassung zu den Eigenschaften einer Künstlerpersönlichkeit. Das ist, wenn man das tonangebende Gros des gegenwärtigen westlichen Theaters betrachtet, alles andere als opportuner Zeitgeist. Bei der Vorstellung des Buches auf einer Veranstaltung des Zyprischen ITI Zentrums, dessen Ehrenmitglied Haus ist, zitiert er deshalb auch ganz und gar nicht postmoderne, aber zukunftsträchtige Verse Schillers: "Erhebet euch mit kühnem Flügel/Hoch über euren Zeitenlauf,/Fern dämmre schon in eurem Spiegel/Das kommende Jahrhundert auf!" (5) Cyclos macht mit dieser Publikation erneut wichtige Notate des Regisseurs und Theaterwissenschaftlers Haus zu gegenwärtigen Fragen westlicher Theaterästhetik der internationalen Öffentlichkeit zugänglich. 

1) Haus in einem Interview mit Cyprus Broadcasting: August 8, 2007.
2) Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Marx/Engels: Werke, Bd. 23, S. 95.
3) Bertolt Brecht: “Volkstümlichkeit und Realismus.” In: Schriften zum Theater, Berlin und Weimar 1964, Bd. IV, S. 163/164.
4) Heinz-Uwe Haus: Notes on Directing, S. 46.
5) Friedrich Schiller: “Die Künstler.” In: Schillers Werke in fünf Bänden, Erster Band, Weimar 1955, S. 136; die Buchvorstellung fand am 7. 8. 07 im Droushia Hights Hotel, Paphos, statt.

© Electronic Communications from the International Brecht Society: ECIBS 36.1 (Winter 2008)